Rechtsbruch, Generationskonflikt und Koreaner in Deutschland

 

김원호  

 

  1. Ein modellhaftes Ereignis

Es war an einem Samstagnachmittag. Eine koreanische Fußballmanschaft von 40ern und 60ern spielte mit einer jüngeren Mannschaft von 20ern aus der 1,5. bzw. 2. Generation ihr regelmäßiges Fußballmatch in einer großen deutschen Stadt. Trotz ihres deutlichen Altersunterschiedes pflegen sie nicht nur ihre Gesundheit und ihre sportliche Freude, sondern versuchen auf diese Weise ihre Einsamkeit, Isoliertheit und Sehnsucht nach der Heimat in diesem fremden Land gemeinsam zu überwinden. Es ist eine einträchtig anmutende, erfreuliche Szene.

Trotz der Hitze von über 30 Grad spielten sie in einem Spielrausch vertieft. Als sich das Spiel in der zweiten Hälfte seinem Höhepunkt annäherte, verfolgten ein Spieler von der Mitte 40 und ein jüngerer Spieler vom Anfang 20 rasant den fliegenden Ball, und dabei stießen sie zusammen und verursachten einen Regelverstoß. Einer von den beiden beging eine Regelwidrigkeit, man weiß aber nicht wer. Aber sie beschuldigten sich gegenseitig, und so entstand eine Konfliktsituation zwische den beiden.

Nach ihren äußerlichen Reaktionen und Verhalten schien der ältere der Sünder zu sein. Sie reklamierten gegenseitig über die Regelverletzung, drohten mit feindseligen, bösen Mienen und tauschten ihre Schimpfkanonade aus. Um dem Gegner den Ball zu entreißen, gerieten sie in ein gefährliches körperliches Gerangel. Als der ältere Spieler dem aufdrängenden Gegner den Ball hartnäckig nicht hergeben wollte, gab der Jüngere nach mehrmaligen vergeblichen Entreißversuchen endlich das sinnlose Beharren auf. Bevor er aber sich vom Gegner umwandte, schoss er ihm ins Gesicht schnell ein gallenbitteres Schimpfwort in Deutsch ab.

Von dieser unerwarteten Wortattacke des Gegners vom Alter seines Sohnes völlig überrascht, gedemütigt und von hochschießenden Zorn übermannt, rannte er schnurrstracks dem wegtretenden Gegner hinterher, versetzte ihm von hinten einen Schlag auf den Nacken, zwar mit der weichen Handinnenkannte, aber ein deutlicher körperlicher Gewaltakt. Der Jüngere, seinerseits auch von diesem plötzlichen Gewalteinsatz ungeahnt überrumpelt, antwortete dem Älteren reflexartig mit einem Faustschlag ins Gesicht. Nun fingen sie an, sich miteinander zu zerren und balgen. Als einige jungen Mitspieler ihren Kameraden von dem alten Spieler tätlich angegriffen sahen, eilten sie ihm zur Hilfe und griffen den älteren Gewalttäter mit an. Einige ältere Spieler, die ihren Mitspieler von dem jungen Mob angefallen sahen, sprangen auch in die Balgerei, so dass die Gefahr einer richtigen Gruppenschlägerei entstand. Die restlchen Spieler, die bis dahin tatenlos das Spektakel aufmerksam verfolgten, liefen endlich schnell zu den Balgenden und trennten mit Gewalt die Streithähne. So wurde die ernsthafte Gefahr rechtzeitig gebannt.

Es war ein kleines Scharmützel, das keine ernsthaften Verletzungen zur Folge hatte. Seine Wirkungen jedoch, die es nicht nur auf die Betroffenen, sondern auch auf die Zuschauer und insbesondere die abwesenden Koreaner ausübte, waren nicht zu übersehen. Eine Reihe von Gefühlen, Schock, Zorn, Hass, Feindseligkeit und Verzweiflung überflutete sie wie hohe Wellen. Die ältere Mannschaft, geichzeitig der Veranstalter, die sich von den unerhörten Frechheiten der jungen Menschen beleidigt fühlte, ahndete sie mit einer zweimonatigen Disziplinarstrafe mit der Begründung, dass sie nicht nur den Sportgeist, sondern auch die asiatische Moral verletzt hätten. So fand das anfangs freundschaftlich und friedlich begonnene Fußballmatch jäh ein häßliches und unehrenhaftes Ende.

Da der Schreiber dieses Artikels weder dem Spiel beiwohnte, noch Schiedsrichter ist, wäre es ihm zu vermessen, zu glauben, dass er in der Lage, fähig und willens sei, den Regelbrecher ausfindig zu machen und ihn für den Zusammenstoß verantwortlich zu machen. Ihn, einen neutralen Dritten, aber ein Mitglied der koreanischen Gemeinde, deren Friede ihm am Herzen liegt, veranlasst zu diesem Schreiben lediglich die Intention, dieses Ereignis nicht bloß aus der einfältigen Sicht des Fußballs zu betrachten, sondern aus der sozialen, kuturellen und ethnischen Sicht etwas tiefer und eingehender zu analysieren und aus ihm einige Deutungen zu gewinnen. Denn dieses Ereignis scheint ihm symbolträchtig und modellhaft für den Problemkomplex von Generationskonflikten, Werte-, Kultur- und Nationalunterschieden und der Erziehung zu sein. Es ist auch ein Anliegen, das nicht allein die betroffenen Spieler, sondern die ganze koreanische Gemeinde angeht, und über das wir alle uns ernsthaft einmal Gedanken machen müssen.

Bei der Auseinandersetzung dieses Vorfalls geht der Verfasser anhand einer Rekonstruktion der Konfliktsituation, die sich auf den Beschreibungen einiger Mitspieler selbst und Zuschauer stützt, von den soziologischen, psychologischen und ethnologichen Hypothesen aus, die uns helfen würden, die Ursachen der Konflikten und die Reaktionen der Spieler zu interpretieren, bewerten und ihnen die symbolischen Deutungen zu geben.

  1. Subjektives Urteil ohne Jury

Es liegt auf der Hand, dass die Hauptursache zu diesem Fußballkonflikt in erster Linie auf das jurylose Spiel zurückzuführen ist. Die zweite unmittelbare Ursache wären die Amateurspieler selbst, deren Regelverständnis und -befolgung zweifelhaft sein könnten. Sie nahmen das jurylose Spiel als Anlass, die Fußballregeln außer acht zu lassen, den Regelverstoß eigenwillig und zu eigenen Gunsten, für den Gegner aber nachteilig auszulegen.

Im Allgemeinen lassen sich die Regelbrüche im Sport oder in unserem Alltagsleben aus zwei Typen von Ursachen ableiten. Im ersten Fall spielt der Zufall selbst, der jenseit der menschlichen Fähigkeit liegt, seine Unwesen treibende Rolle. Falls dieser Zufall als solcher von den beiden Kontrahenten gemeinsam gewahrt und anerkannt wird, entsteht kein Konflikt. Wenn er sich aber von den beiden nicht erkennen lässt und sie trotzdem zur Streitigkeit führt, werden sie sinnlose, tragische Spielbälle des boshaften Zufalls. Denn einer, der vom Zufall zum unschuldigen Opfer wird, hat ein unglückliches, aber unschuldiges Los gezogen. Er ist ein beschuldigter Unschuldiger. Der andere, der, wenn auch er nicht weiß, dass hier ein Zufall im Spiel ist, den Gegner trotzdem schuldig erklärt, verhält sich dem Gegner gegenüber unmenschlich und inhuman. Also wird er ein unbeschuldigter Schuldiger. Dann haben wir einen Fall eines paradoxen Dramas von unglücklichen Menschen vor uns.

Daher wäre in jedem Spiel, wo mit dem Zufall immer und überll zu rechnen ist, beim Stellen der Schuldfrage immer Vorsicht geboten, damit man durch die voreilige und leichtsinnige Entscheidung dem tückischen Zufall nicht zum Opfer fallen kann. Zum Glück ist der Zufall jedoch leicht zu erkennen und nicht der Regelfall. Daher dürfte er hier für uns nicht zur Debatte stehen. Vielmehr ist er, genau genommen und in den meisten Fällen, ein Produkt von menschlicher Hand, die gewollt oder ungewollt ihn verursacht. Nur wird es von den Menschen nicht so wahrgenommen und eher zu einem unschuldigen Zufall deklariert. Daher gehören die meisten Ursachen der sportlichen oder sozialen Konflikte zu der zweiten Kategorie, sie entstehen aus menschlichen Fehlern, Irrtümern und absichtlichen und bewussten Rechtsbrüchen.

Unser Match ist ursprünglich als ein Freundschaftspiel konzipiert, aber gleichzeitig ein ernsthafter Wettkampf um den Sieg. Daher waren die Spieler eher von der simplen Logik des Sportkampfes motiviert. Um das Spiel zu gewinnen, scheuen sie sich nicht, alle möglichen Mittel zu mobilisieren. Wenn die beiden um das Schuldproblem so hartnäckig streiten, obwohl die subjektiven und unkorrekten Urteile mit den von ihnen beschlossenen Fußballregeln nicht vereinbar sind, werden sie von der Schuld gleichermaßen getroffen. Denn nicht nur der tatsächliche Regelbrecher, sondern auch der angeblich Unschuldige trägt Verantwortung für das Ereignis insofern, als er in solchem Spiel, wo keiner über den wahren Regelverstoß und deren Schuldigen Bescheid weiß, über seinem subjektiven und suspektiven Urteil Vorsicht und Sorgfalt hätte walten lassen sollen.

  1. Die Sprachbarriere

Die zweite Ursache, dass sich aus einem Regelverstoß ein gewalttätiger Zusammenstoß entwickeln musste, lag in der Sprachbarriere zwischen den beiden. Wenn sie sich durch die gemeinsame Sprache gegenseitig über die Situation unmissverständlich verständigt, eigene Unschuld klar verteidigt bzw. den Gegner von dessen Schuld verbal überzeugt hätten, wären sie eventuell zur Vermeidung des Streites gekommen. Vielleicht müsste nicht der Regelbruch selbst, sondern das sprachliche Missverständis und die sprachliche Provokation die Hauptursache zu ihrer Überreizung und Verrohung gewesen sein. Wenn auch der ältere Koreaner beispielsweise eine ihm im Alltag angewohnte und als Scherz gemeinte Ausdrucksweise bösen Inhaltes auf den jungen Spieler im Alter seines Sohn ohne böse Absicht verwendete, klänge sie fürs Ohr des fast „fremden“ jungen Spielers als ein ernst gemeintes und beleidigendes Schimpfwort. Auch eine kleine falsche Verwendung von Du und Sie der deutschen Sprache, aber vor allem von den komplizierten Höflichkeitsformeln der koreanischen Sprache könnte dem dafür sehr empfindlichen alten Koreaner zum verhängnisvollen Beleidigungsfall werden. Die zwei verschiedenen Sprachen, derer sie sich bei der Auseinandersetzung bedient haben dürften, mussten sie unvermeidlich zu ihrem Konflikt führen. Ihre Sprachbarriere untermauert nicht nur ihre unterschiedlichen Denkweisen, Werte und Kulturen, sondern auch die hohe Generationsmauer.

     4. Mangel an Selbstkritik und Nachgiebigkeit

In dem Übergangsprozess von dem Regelverstoß zur Gewaltanwendung spielten nicht nur die äußeren Umstände wie Jurylosigkeit und Sprachbarriere, sondern ihre inneren, moralischen Unzulänglichkeiten eine wichtige Rolle. Der junge Spieler müsste sich von der Richtigkeit seines Urteils über den Fehler des Gegners überzeugt haben, da er es mit eigenen Augen gesehen hat. Dabei hat er aber die Möglichkeit außer acht gelassen, dass sein Urteil eventuell durch ein Zufallsspiel, seine unzulänglichen bzw. falschen Regelverständnisse oder einen unbeabsichtigten harmlosen Fehler des Gegners irregeführt werden könnte. Da diese Möglichkeiten immer vorhanden sind, hätte er mit seinem eigenen Fehlurteil und der Unschuld des Gegners rechnen sollen.

Gleichermaßen wird sich der alte Spieler von dem Vorwurf, dass er nicht nur keine Selbstkritik üben könne, sondern darüber hinaus sogar ein feiger Egoist sei, nicht ganz befreien, wenn er seinen Fehler nicht zugibt unter dem Vorwand, dass seine Regelmissachtung aus den für ihn nachteiligen Wettkampfbedingungen, z..B. seinem hohen Alter oder seinen schwachen körperlichen Leistungen abzuleiten sei. Er könnte auch noch eine schlimmere Beschuldigung ernten, dass er nämlich beabsichtigt hätte, die Aufmerksamkeit des anderen von seinem Fehler abzuwenden und ihn abzuschwächen bzw. den Spieß umzudrehen, indem er versuchte, den rüden und unhöflichen Gegner übermäßig stark einzuschüchtern.

In dem Fall unseres Matches, wo keine Jury oder Videoaufzeichnung vorhanden ist, sollten für die beiden das Gewissen und die Ehrlichkeit die letzte Instanz sein. Wenn sie sie ignorieren und aus purem Egoismus heftig gestritten haben, dann fehlen ihnen der Wille zu Selbskritik und Nachsicht gänzlich. Der junge Spieler mag nachsichtiger und toleranter gehandelt haben als der ältere, als er auf weiteren Streit verzichtete und zurücktrat. Wenn er jedoch dabei beleidigende Wortgewalt auf den Gegner ausübt, dann kann seine Nachsicht keine wahrhaftige sein.

    5. Mangel an Verständnis und Respekt vor der Persönlichkeit

Hinter ihrem gewalttätigen Verhalten steckt auch Mangel an Verständnis, Vorurteil und Respektlosigkeit gegenüber den anderen.

In den Augen des jungen Spielers dürfte der alte Spieler ein „Fremder“ in den deutschen Gesetzen, der Mentalität, sozialer Ordnung und Kultur und ein gesetzverachtender Draufgänger sein, der seine Schuld von sich weist. Das kulturelle und moralische Überheblichkeitsgefühl des jungen Mannes gegenüber diesem alten „Fremden“ könnte ihn zu seiner sicheren und übermäßig harten Verurteilung gegen diesen geführt haben. Es fällt uns schwer zu verneinen, dass sein Urteil über die Immunität und Gleichgültigkeit des älteren Koreaners gegenüber dem Gesetz ins Schwarze getroffen hat und allgemeingültig für die Koreaner ist. Seine unbeugsame Haltung gegen den alten Gegenspieler könnte der Ausdruck des gestauten, explosiven Unbehagens und Zornes über das negative Verhalten der Koreaner gegenüber dem Gesetz gewesen sein. Deshalb wollte er dem Gegner seine logische und kaltherzige Konsequenz, dass Wettkampf Wettkampf und Gesetz Gesetz sei, durchsetzen.

Ungeachtet dessen jedoch, wenn der junge Spieler ein wenig Verständnis für den Gegner als seinen Landsmann, und insbesondere über den historischen, sozialen Grund zu dem negativen Verhalten der älteren Generation Koreas gegenüber dem Gesetz vorgebracht hätte, könnten sein voreiliges Urteil, seine provozierende verbale Beleidigung und seine Gewalttat vielleicht in Zaun gehalten worden sein.

Die alte koreanische Generation ist von Kindheit an von den traditionellen konfuzianischen Lebenskodizes indoktriniert gewesen, und sie legt auf das Alter und Autorität einen unangefochtenen hohen Wert. Dieses Autoritätsbewusstsein herrscht immer noch in fast allen sichtbaren oder unsichtbaren Lebensbereichen des inzwischen demokratisierten modernen Koreas. Es ist nicht schwer einzusehen, dass sich die alte Generation, wie bei dem älteren Spieler zu sehen ist, sobald ihre Vormachtstellung des Alters und der Autorität, von ihrer Legalität und Berechtigung einmal abgesehen, von der jüngeren Generation provoziert und verletzt wird, allergisch und empfindlich reagiert, als ob ihre Lebensgrundlage verletzt werden würde. Sie besitzt außerdem noch die tiefsitzende Skepsis und den Zweifel an den Gesetzen, die die nachbarlichen Kolonialmächte und die willkürlichen inländischen Machthaber und Lokalbeamten erließen, und mit denen sie die arme Bevölkerung Koreas mehrere Jahrhunderte lang ausbeuteten. Die schwache Spur dieses historischen Erlebnises der Nation ist als kollektive Erinnerung in den Köpfen der Nachfahren bis heute tief eingeprägt weiter überliefert worden.

Dem jungen Spieler fehlt gerade die Einsicht in diese historische Umstände um die alte Generation. Es wäre aber zu hart, unnational und unsolidarisch, wenn der junge Spieler trotz seines korrekten Rechts- und Gerechtigkeitsgefühls den alten Landsmann zu einem Rechtsverachtenden, Rechtsbrechenden und Rechtlosen verurteilen würde, ohne ein wenig Verständnis für die hintergründige Geschichte der älteren Generationen zu besitzen.

Der ältere Spieler hätte auch genauso Verständnis für den junge Spieler vorbringen müssen, der der westlichen Kultur angehört, die das Gesetz genauer nimmt als die Landsleute in Korea oder die jüngst aus Korea Hergereisten, wie er einer ist. Er hätte den Rechtssinn des jungen Mannes vorher einschätzen sollen, bevor er ihn aus Vorurteil als einen rüden, frechen, gewalttätigen Widerspenstigen abstempelt. Vielmehr hätte er in seinem frechen Verhalten die Fehler und die Verantwortung der älteren Generation erkennen sollen, dass sie bisher versäumt hat, die junge Generation mit den asiatischen Moralwerten vertraut zu machen. Es ist auch anzunehmen, dass er auf den jungen Spieler aus der Sicht der autoritären Überheblichkeit hochmütig herabblickt und ihn als einen europäischen „Barbaren“ betrachtet, der den älteren Menschen keine Achtung zollt. Denn wenn er ihn auf seiner Augenhöhe als einen gleichgestellten Menschen und Spieler betrachtet hätte, hätte er sich vor seiner Gewalttat gehütet. Hätte er Gewalt verwenden können, falls der junge Spieler im selben Alter gewesen wäre wie er? Ihm fehlt genauso wie dem jungen Mann das tiefe Verständnis für den anderen Menschen und vor allem der Respekt vor ihm.

     6. Unterschiede der Werte, Kulturen und Volkseigenschaften

Waren bis jetzt die äußeren Umstände wie die Jurylosigkeit, Sprachbarriere und die inneren moralischen Ausfällen der beiden Spieler die unmittelbaren Ursachen für das Ereignis, so tragen die Differenzen der Wertvorstellungen, Kulturen und Volkseigenschaften der beiden Völker in erheblichem Maße zur Bildung des Konfliktes bei. Wir wollen sie stellvertretend an den krassen Unterschieden des Rechtsverständnises etwas näher betrachten.

  1. Rechtsverständnis

Das westliche Rechtsverständnis ist ursprünglich aus dem Dualismus von Gut und Böse abzuleiten. Da das Böse die Menschen ständig beherrscht, wollte man mit einem künstlich geschaffenen Gesetzesapparat die Menschen vor Lüge, Betrug, Unrecht, Gewalt und Mord schützen, den Unschuldigen zu ihrem Recht verhelfen und die Schuldigen zu ihrer Verpflichtung und Strafe zwingen, damit man der Gesellschaft Ordnung und Frieden gewährleisten kann. Da aber die auf sich selbst gestellten freien Menschen ständig von Habsucht und Machtgier getrieben werden, brechen sie die selbst aufgestellten Gesetze und missbrauchen sie. Die Gesetze sind demzufolge ihren Aufgaben der Friedenssicherung nicht gewachsen und werden ihnen nicht gerecht, geraten paradoxerweise zu sich selbst in Widerspruch. Je länger und intensiver die Gesetze das menschliche Böse bekämpfen, desto mehr wird das Böse verstärkt, und noch raffinierter und arglistiger wird die menschliche Intelligenz, bis sie schließlich die Menschen zu noch mehr Verbrechen motivieren. Folglich wird das Gesetz schärfer, mächtiger und erobert die Menschen. Nicht mehr die Menschen über das Gesetz, sondern das autonom gewordene Gesetz herrscht über die Menschen. Ein von Menschen ursprünglich nicht gewolltes Paradoxon. Dafür liefern uns die gesetzliebenden Deutschen, die sogar dem Teufel auch sein Recht geben wollen, ein gutes Beispiel. Sie streben nach der perfekten Rechtsgebung und der bedingungslosen Rechtsbefolgung mit tierischem Ernst. Gleichzeitig laufen sie tragischerweise jedoch Gefahr, von diesem Gesetz völlig abhängig zu sein. Denn sobald sie mit anderen Menschen in einen Konflikt geraten, stürzen sie leicht in Sebstgerechtigkeit, Rechthaberei, Starrköpfigkeit und Sturheit. Sie beharren unbeirrt auf ihr eigenes Recht und wollen dem Gegner nicht nachgeben. Auf diese Weise liefern sie sich der völligen Abhängigkeit vom Recht aus. Sie schaffen dadurch zwar die gesicherte soziale Ordnung, dafür opfern sie aber dem Gesetz ihre Freiheit und bleiben in den Fesseln der Gesetze fest gebunden. Sie würdigen ihre perfekten und mustergültigen Gesetze, und darauf sind sie auch stolz. Jedoch können ihre Gesetze die arglistige Intellligenz der Menschen nie überholen, sondern hinken ihr immer hinterher.

Der junge Spieler wollte die Gesetze und Regeln, die er sich in Deutschland angeeignet hat, gewissenshaft einhalten. In diesem Wettkampf wollte er, nach der miteinander vereinbarten Abmachung, und in dem gesetzlichen Rahmen, mit einem Gegner, der auf der gleichen Ebene steht und gleiche sportliche Voraussetzung mit sich bringen soll wie er, ausschließlich um den Sieg kämpfen. Er braucht nicht das höhere Alter und die schwächere körperliche Kondition des Gegners in Betracht zu ziehen, weil die Regeln nicht danach fragen. Deshalb wollte er bei dem Rechtsbruch des Gegners trotz ihrer körperlichen Ungleichheiten auf das ihm zustehende Recht stur und kaltherzig bestehen. Mit anderem Wort, sein westliches Rechtsverständnis hat keinen Raum für das östliche Rechtsverständnis übrig.

Das asiatische Rechtsverständnis lässt sich mit den monistischen Lehren von Laotzi beleuchten. Der Ursprung des Universums ist demnach als Eins, die Einheit, das Nichts oder Tao zu beschreiben. Aus diesem abstrakten Begriff entwickelt sich das Sein, das Zwei, die Mannigfaltigkeit, nämlich die Natur. In dieser Erscheinungswelt entsteht der Antagonismus von Yin und Yang, Gut und Böse, Positivem und Negativem, und demzufolge auch Chaos und Verfall. Während sich die westlichen Gegensätze gegenseitig entfernt und unversöhnbar kontradiktisch gegenüberstehen, bleibt die östliche Antithese vorübergehend konträr, d.h. gegenseitig ergänzend und voneinenader bedingt, hebt sich dann irgendwann in der Zukunft auf und kehrt wieder zu ihrem Ursprung, nämlich Eins, Nichts, Tao zurück. Diese Aufhebung ist dadurch möglich, dass jeder Mensch mittels des Nichtstuns, Enthaltsamkeit, Nachgiebigkeit und viele Sittengesetze wie Höflichkeit, Menschenliebe, Gerechtigkeit, Treue etc. nach Harmonie und dem Frieden mit den anderen Menschen strebt. Wenn die westlichen Menschen das auf Lohn und Strafe aufgebaute, strenge und furchterregende Gesetz bitter nötig haben, weil sie sonst wegen ihres Egoismus und ihrer Habgier mit den anderen Menschen ständig in Konflikten geraten würden, brauchen die östlichen Menschen das Gesetz nicht, da sie von sich aus zum Frieden motiviert sind und danach streben. Laotzi lehrt in seinem Buch „Dao De Ching“(Kap. 17. „Sanfter Wind“): Das Volk zieht der verhassten Tyrannei, die das Gesetz mit Füßen tritt, einen Rechtsstaat vor, der zwar durch Autorität, Strafe und listige Rechtsverdrehung dem Volk Furcht einjagt, dem sich aber das Volk deswegen gezwungenermaßen fügen muss. Das Volk liebt und lobt entgegen einem solchen Rechtsstaat eher einen tugendhaften König, der das Volk mit Liebe, Sittlichkeit und Tugend erzieht und friedlich beherrscht. Für die beste Politik hält aber das Volk die Herrschaft, deren Anwesenheit es nicht bemerkt, weil sie über das Volk mit dem Nicht-Tun(Tao) herrscht. Das ist ein Zeugnis dafür, dass dem Angst einjagenden Gesetz Skepsis und Misstrauen entgegengebracht werden. Für einen rechtschaffenen Menschen gibt es in der koreanischen Sprache einen geläufigen Ausdruck, dass „er ohne Gesetz leben kann“. Hier wird zum Ausdruck gebracht, dass das eigengesetzliche Tao höher geschätzt wird als das gezwungene Gesetz.

Es wäre eine absurde Zumutung, zu glauben, dass der ältere Spieler mit dieser alten asiatischen Rechtsvorstellung dem Spiel beiwohnte. Man könnte sich aber möglicherweise vorstellen, dass dieses Jarhtausende alte Gedankengut als kollektive Erinnerung auch in seinem Kopf eine schwache Spur hinterlassen und zu seiner rechtsfeindlichen Haltung unbemerkt mitgewirkt hätte. Natürlich ist doch die rechtsfeindliche Haltung der Koreaner eher, wie es oben erwähnt wurde, in dem Misstrauen und der Skepsis zu suchen, die sie sich unter den Unterdrückern aus dem In- und Ausland und deren grausamen Gesetzen tief eingeprägt hatten.

Diese unterschiedlichen Auffassungen von Ost und West über das Gesetz haben sich auf jeden Fall bei den beiden Spielern deutlich abgezeichnet. In diesem Zusammenhang könnte der ältere Spieler zum Beispiel in diesem Match, anders als der jüngere, das Freundschaftspiel höher geschätzt haben als den Wettkampf. Daher hielt er nicht viel von seinem Regelverstoß. Zudem waren wohl das Trotz- und Revanchegefühl gegen die Beleidigung und Demütigung, die er vom jungen Spieler erleiden musste, und die Wiedergutmachung seines Gesichtsverlustes für ihn die dominanten Motiven zu seiner skrupellosen Tat. Sie rechtfertigen für ihn seine Gewalttat.

Auch der junge Spieler fühlt sich von dem Gegner gleichermaßen beleidigt und beschämt, als sein Recht vom diesem glatt ignoriert wurde. Aber anders als sein Gegner drückte er am Anfang sein Gefühl mit der eher kühlen und vernünftigen verbalen Attacke als mit Gewalt aus. Sowohl die verbale als auch körperlliche Gewalt gehören zur Gewalttat. Nach dem deutschen Gesetz werden sie jedoch unterschiedlich bestraft.

Wenn die Koreaner einem Konflikt begegnen, der durch die Nichtbeachtung des mit den anderen Menschen vereinbarten Vertrages entsteht, handhaben sie ihn oft mit einer irrationalen Gefühlsexplosion und Gewaltausbrüchen. Bei dem sozialen Arbeitskonflikt mit den Arbeitgebern wollen die Arbeitnehmer ihre Rechte durch effekthaschende, kurze aber heftige Gefühlsausbrüche wie dem Abtrennen ihrer Finger, Flaggenverbrennung, Tierschlachterei oder Selbstmord erringen, vergeblich. Die Deutschen halten sich dagegen strikt und konsequent an den Vertrag. Sie kontrollieren das Gefühlsaufkommen und versuchen kühl und mit Raison den Konflikt in einen Kompromiss zu verwandeln. Die deutschen Arbeitnehmer und -geber schaffen ihren Arbeitskonflikt durch langwierige Verhandlung mit Gesprächen, Dialogen und Kompromissen friedlich und für beide Seiten zufriedenstellend aus der Welt. Die unkorrekte Rechtsauffassung, Immunität und Unachtsamkeit gegen das Recht bescheren den Koreanern heute zahlreiche soziale Ungerechtigkeiten, Chaos, und damit verhindern sie den raschen Demokratisierungsprozess. Dank des strengen Gesetzes, dessen gewissenhafter Befolgung, der Ordnungsliebe und Kompromissbereitschaft durch Gespräch und Dialog genießen die Deutschen jedoch besonders seit dem Ende des 2. Weltkrieges die weltweit überlegene Demokratie, Sicherheit und Frieden. Die Deutschen investieren viel Zeit, Geld und Mühe für das fast perfekte Gesetz. Für die Koreaner, die ihr Gesetz oft kurzfristig, eilig und lückenhaft herbeizaubern, ist das deutsche Gesetz immer ein Vorbild gewesen und soll es auch sein.

Mit Recht hat der junge Spieler nach dem deutschen Rechtsgefühl den älteren korrekt beschuldigt und gegen dessen Unrecht Widerstand geleistet. Wenn er aber außer dem messerscharfen Gesetz, das den Schuldigen bestraft und den Gerechten mit allen Mitteln und Ansprüchen zu seinem Recht verhilft, in das asiatische Rechtsverständnis von Eintracht, Toleranz und Versöhnung eingeweiht gewesen wäre, so wäre der gewalttätige Zusammenstoß vielleicht vermeidbar gewesen. In dem sozialen Leben einer Gemeinschaft existiert nicht nur das kaltherzige, feindschaftliche Rechtsprinzip, sondern auch ein anderes, nämlich das von Liebe, Respekt und Nachgeben.

  1. Individuum und Gemeinschaft

In dem Zusammenstoß der beiden Spieler und insbesondere in ihren Verhaltensweisen widerspiegeln sich außer den unterschiedlichen Rechtsauffassungen auch die tiefgründigen Differenzen der sozialen Strukturen von Ost und West. Wenn die westliche Gesellschaft aus emanzipierten einzelnen Ichs besteht, baut sich die östliche Gesellschaft auf einer Gemeinschaft aus miteinander eng verbundenen und voneinander abhängigen Wirs auf. Der Westen, der seit dem 16 Jh. ununterbrochen durch das humanistische Ideengut von Individuum, Vernunft, Gewissen, Recht, Pflicht und Freiheit emanzipiert worden war, befreite das einzelne Individuum aus der kirchlichen Unterjochung im Mittelalter und ersetzte mit ihm Gott als das Zentrum des Universums. Dieses Individuum schließt nach dem freien Willen mit den anderen Menschen Verträge ab, aufgrund derer er sein Recht fordert und auch sich zu Pflicht und Verantwortung verpflichtet. Jeder ist unabhängig, frei und gleichgestellt, und demnach sind ihre menschlichen Beziehungen klar und überschaubar. Sobald aber ein Mensch mit dem anderen in einen Konflikt gerät, tritt er dem Gegner feindselig entgegen. So erscheint ihm jeder, so formulierte einmal ein antiker Philosoph, wie ein Wolf.

Dagegen gehörte ein Mensch in Asien, je nach seinem Alter, Geschlecht, Beruf und Bildung einer hierarchischen Gemeinschaft an, die aus den herrschenden Schichten von König, Vorgesetzten, Priester, Lehrer, Vater, Ehemann, und den unteren Schichten von Bauern und Arbeitern bestand. In diesem Gemeinschaftssystem waren die Äusserung der eigenen Meinung und das individuelle freie Verhalten untersagt. Kritik und Widerstand gegenüber den Übergeordneten waren verpönt, sogar verboten. Gehorsam, Anpassung, Gefügigkeit waren absolut erforderlich, damit die Ordnung funktionieren konnte.

Der ältere Spieler, dem offenbar das Bewusstsein von der Freiheit und Verantwortung eines unabhängigen Individuums fehlt, hat sich für seinen Regelbruch nicht besonders verantwortlich gefühlt. Er versucht ihn eher auf den Gegner, den Zufall oder andere Umstände abzuwälzen. Es liegt ihm mehr die Wahrung des Ansehens, Gesichts und der Autorität von ihm und seiner Gemeinschaft am Herzen, als die Schande, seine Schuld zuzugestehen und dadurch seinen Ruf und den der Gemeinschaft zu beschädigen. Seine Verneinung des Regelbruchs, die Abwälzung der Schuld auf den Gegner und der Gewaltakt lassen sich eben von der asiatischen Identifizierung des Individuums mit der Gemeinschaft her erklären.

Die Koreaner haben traditionell keinen Respekt und kein Verantwortungsgefühl vor dem Individuum. Deshalb unterdrücken sie vor ihrer Gemeinschaft nicht nur ihre eigene individuelle Wahrheit und Meinung, sondern setzen auch die anderen und deren Meinungen oft herab, verletzen ihre Persönlichkeit durch Diffamierung und Verleumdung. Diese Verneinung des Individuums führt folgerichtig zu einer weiteren negativen Seite, die den Koreanern anhaftet: Dass sie im Gespräch, in der Diskussion, oder bei dem Meinungsstreit das Öffentliche mit dem Privaten, das Subjekt mit dem Objekt, die Person mit der Sache, das Ich mit dem Du vermengen und verwechseln. Damit verlieren sie Sachlichkeit, Gerechtigkeit und verpassen das beabsichtigte soziale Ziel. All das sind die Folgen von Mangel an Emanzpation des Individuums, das die Koreaner nicht kennen.

Der Verzicht auf das Kleine zugunsten des Großen, die Aufopferung des Individuums um der Gemeinschaft willen und das vereinheitlichende Herrschaftsprinzip fordern viele Opfer: Individuum, kleine Gruppe, die Jüngeren, Frauen, Kranken und Armen. Der ältere Spieler zählt gewiss zu diesem Opferkreis in dem Sinne, dass er sich selbst belügt und seine eigene Wahrheit biegen muss, um dadurch sein Gesicht und seine Autorität in der Gemeinschaft zu wahren und die von ihm selbst verursachte Schande für die Gemeinschaft zu meiden. Die noch schwerere Belastung trägt aber der junge unbeugsame und kritische Spieler, weil er durch seine renitente Haltung ein Gegenstand von Ressentiment, Unterdrückung, Abhaltung und Ausstoßung aus der Gemeinschaft wurde. Deshalb kann der Gewaltakt des älteren Spielers als eine kollektive Strafe gegen das widerspenstige Individuum gedeutet werden.

Im Vergleich zu der jüngeren Generation, die an das kreative Individuum glaubt und sich an der kritischen und progressiven Reform und der Zukunft orientiert, hält die ältere gewöhnlich an der Aufbewahrung und Konservierung der alten Werte und an der Anpassung und Fügung zur existierenden Autorität fest. Sie betrachtet auch die eigene Nation unkritisch und überschätzt sie oft. So läuft sie manchmal Gefahr, zum eingeschränkten, geblendeten Nationalismus oder sogar Chauvinismus zu tendieren. So verhindert sie den Demokratisierungsprozess des eigenes Landes und hemmt die Entwicklung der kreativen Geschichte. Diese Gefahr können sogar die individualistisch gesinnten westlichen Nationen ausgesetzt sein, wenn sie, wie bespielsweise der deutsche Nazistaat, von der Sucht nach faschistischer Diktatur und Weltherrschaft getrieben, die Selbstkritik verabscheuen, die soziale Kontrolle und Restriktion verfemen. Sie verursachen den Krieg und Konflikt, und die Menschen leben in Isolation, fallen in Orientierungslosigkeit, Verzweiflung und Chaos. Im Westen von heute, wo der Neokapitalismus harten Konkurenzkampf, Hab- und Herrschgier auslöst, wurde das Humanismusideal längst missbraucht, vergewaltigt und geraubt. Der Egoismus tritt an dessen Stelle als eine dominante Triebkraft. Das deutsche Volk, das die seit je fromme, bis zur Einfältigkeit neigende ehrliche und gewissenhafte Charakterzüge besaß, verliert sie jetzt allmählich. Die Presse von heute berichtet tagtäglich von Korruption, Bestechungsskandalen, Betrugsfällen und Unterschlagung der Politiker, Beamten und Unternehmer.

Trotz des Verfalls ihrer Werte trägt jede emanzipierte, kritische neue Generation im Westen doch ihre eigenen Beiträge zur Entwicklung der Geschichte bei, wie bespielsweise die vergangene 68 Generation es tat. Sie erweist insgesamt zwar eine negative Geschichtsbilanz: Terrorismus, Orientierungslosigkeit und Misslingen der von ihr vorgenommenen Bewusstseinsänderung. Jedoch werden ihr viele positiven Errungenschaften gutgeschrieben wie Antiautorität, Antinazierbe in Politik, Justiz und Wissenschaft, Antikrieg, Antinuklearenergie, Umweltfreundlickeit und Gleichberechtigung der Frauen etc.

Erfreulicherweise hat in der jüngsten Geschichte auch die neue Generation Koreas ihrerseits für ihr Land einen historischen Beitrag zum Demokratisierungprozess geleistet, nämlich die mutige 4.19 Generation gegen die Zivil- und Militärdiktaturen. Auch die Koreaner im Ausland haben, zwar in kleinem und bescheidenem Maße, aber doch einen deutlich bemerkbaren Widerstand gegen die Diktatur in Korea und einen Beitrag für die Demokratisierung und die friedliche Wiedervereinigung Koreas geleistet. Das ist ein Beleg dafür, dass das gemeinshaftlich orientierte Land Korea die emanzipierten und demokratischen Werte des Individuums und Menschenrechtes angenommen hat.

Aber in dem heutigen Korrea sind, wie in Deutschland seinerseits auch, leider selten rechtsschaffene Menschen zu finden, die ihr Leben nach den Weisheiten und Prinzipien der alten Weisen Laotzi, Kongfutzi und Buddha führen. Der Mammonismus ersetzt die gute Prinzipien von Liebe, Nachsicht, Treue und Respekt vor den anderen Menschen. Die wahrhaftige Autorität verfällt in Heuchelei, leere Formeln, und sie wird als ein ungerechtes Mittel zur eigenen Vorteilsschaffung eingesetzt. Der „Mensch ohne Gesetz“ verwandelt sich in einen Gesetzlosen, der wie der westliche Egoist nur noch an sich selbst denkt.

     7. Generationskonflikt

Wenn eine Generation in einem Abschnitt einer sich stetig wandelnden Geschichte auftaucht, setzt sie sich 30 Jahre lang mit der alten Generation auseinander, nimmt sich deren gute Werte auf, kritisiert und reformiert die falschen Werte, schafft eigene Werte und Kulturen, vererbt sie der nachkommenden Generation und verschwindet schließlich aus der Geschichte. Dabei soll sie nicht egoistisch auf ihr eigenes Wohlergehen, sondern auf die nächste Generation bedacht sein. Auch ihr Nationalgedanke soll nicht als engherzig, befangen, sondern der Welt gegenüber offen und aufgeschlossen aufgefasst werden. Es ist falsch, dass die junge Generation im heutigen Korea der älteren Generation aus purem Egoismus ihre Vorrechte streitig macht, indem sie ihr zum Beispiel unter der Parole „Ab 45 in den Ruhestand!“ das Existenzrecht abpresst und sie wegdrängt. Die beiden Generationen sollten unter dem Koexistenzprinzip miteinander friedlich zusammen leben und leben lassen und danach gemeinsam unter dem Prinzip Kritik und Toleranz gerecht und ehrlich um eine bessere Gesellschaft und Kultur des Landes streiten.

Die Koreaner in Deutschland sind nicht nur von den primären Generationsproblemen wie Gemeinschaft oder Individuum, Autorität oder Freiheit, Konservatismus oder Fortschritt, sondern zusätzlich auch von den Differenzen der östlichen und westlichen Kulturen, der Wertvorstellungen und der Nationaleigenschaften belastet. Von dem Kulturschock, der Verwirrung, Orientierungslosigkeit und Verzweiflung, die der Zusammenstoß der beiden Kulturen hervorrufen, heimgesucht, hat die ältere Generation die fremde westliche Kultur zu bekämpfen. Die jüngere Generationen, die mit dem koreanischen Blut, aber ohne Vorkenntnisse von der koreanischen Kultur, in die westliche Kultur hineingeboren wurde, hat mit der Doppelkultur zu hadern. Ihre Sprachbarriere hindert sie bei gegenseitigen Dialogen, Verständigung und Annäherungen. Die beiden Generationen sind von der eigenen Kultur eingenommen, deren ‚Überlegenheit' sie der anderen aufzudrängen versuchen. Die Folge davon sind die Kontaktlosigkeit, Entfremdung, Feindschaft, der Generationskonflikt und -krieg.

Es gilt jedoch, den latenten Generationskonflikt möglichst zu überwinden. Dazu haben die Koreaner in Deutschland im Vergleich zu ihren Landsleuten in Korea eine bessere Chance, die von ihren Generationen vertretenen unterschiedlichen Kulturen am eigenen Leib direkt zu erfahren, sie unmittelbar zu vergleichen, sie gegenseitig zu ergänzen und daraus das Beste aufzunehmen

Die älteren Koreaner können den jüngeren ihre asiatische Kultur als eine Alternative zu der westlichen Kultur zeigen, damit sie Chance haben, die einfach übernommene westliche Kultur neu zu beleuchten, über sie kritisch nachzudenken. Sie können ihnen ein Beispiel geben, dass das friedliebende Korea in seiner Geschichte kein anderes Land angriff. Trotz des Armuts und des Leidens lebten die Koreaner in der nationalen Gemeinschaft immer in geistiger Zufriedenheit, Optimismus und Hoffnung auf die Zukunft. Der hartnäckige, starke Anspruch des Westens auf das Heiligtum eigenen Rechtes und seines Eigentums ruft dagegen nur die negativen Folgen Egoismus, Selbstgerechtigkeit, Rechthaberei, Konfrontation, Spaltung, Bruch der menschlichen Beziehungen, Isolation und Verzweiflung hervor. Das westliche Streben nach dem irdischen Glück von Reichtum, Materialismus, körperlicher Lust sucht ihre logische Konsequenz: Die Herrschaft über die Natur und die anderen Völker. Die Folge davon sind Zerstörung und Ausbeutung der Natur, Umweltverschmutzung und der Krieg mit anderen Ländern. Die christliche Kirche, die zum Zweck ihrer weltweiten Missionierung auf den Eroberungskrieg eingegangen war, verliert jetzt allmählich ihren Einfluss, Ansehen und Vertrauen. Sie ist jetzt nicht im Stande, den säkularisierten westlichen Menschen, die ständig in seelischer Verwirrung, Angst und Orientierungslosigkeit leben, Trost und Zuflucht zu bereiten.

Die östlichen Religionen dagegen, die sich auf Einfachheit, Genügsamkeit, Spiritualität, Respekt vor der Natur, Toleranz und Frieden stützen, könnten ihre Angst nehmen und seelische Ruhe, inneres Glück, Optimismus, Hoffnung auf Zukunft anbieten. In den menschlichen Beziehungen würden sie auch ihr verloren gegangenes Gemeinschaftsgefühl, Verbrüderung, Hilfsbereitschaft und Friede wieder finden.

Der östliche Autoritätsgedanke, den Konfutzi hochschätzt, hat ursprünglich mit dem eng gefassten westlichen Begriff vom Fachmann oder Sachkenner nichts zu tun, geschweige denn mit dem falschen, leeren Autoritätsgehabe wie von unserem älteren Spieler. Es ist die Totalität eines gereiften, weisen Menschens, der durch die konfutzianischen Tugenden wie Liebe, Höflichkeit, Treue, Gerechtigkeit, Toleranz etc. sich selbst überwindet und den höchsten moralischen Zustand der Menschlichkeit erreicht hat. Diese Autorität braucht man nicht von sich aus zu behaupten, sie wird von den anderen Menschen anerkannt und respektiert. Gerade diese Art von Autorität sollte die ältere Generation sich anzueigenen befleißigen und sie ist auch verpflichtet, der jüngeren Generation gegenüber diese Autorität vorbildlich zu repräsentieren.

Die jüngere Generation ihrerseits hat die Aufgabe, die alte Generation, die sich hinter der herrschenden Meinung der Gemeinsachft versteckt, duckmäusert und ihr willfährig ist, dazu zu motivieren, sich ihres eigenen Ichs bewusst zu werden, eigenes Selbstachtungsgefühl zu bilden. Auf ihr unklares und falsches Rechtsverständnis und ihren Rechtsmissbrauch sollte sie klar und deutlich aufmerksam machen, und öffentlich anzeigen, damit sie sich dessen schämen und umzudenken beginnen kann. Dabei sollte sie darauf achten, dass sie nicht, wie der jüngere Spieler tut, die alte Generation durch voreilige, emotionale und gewalttätige Provokation zur Feindschaft reizt. Sie muss begreifen, dass die „weiche Haltung“ von Nachgiebigkeit am Ende doch eine vernünftigere, geistig stärkere Provokation ist als die gewalttätige Meinungsdurchsetzung. Die weichen, aber unaufhörlich fallenden Wassertropfen können auch den harten Stein durchbohren. Die östliche Weisheit, dass das Stärke und Feste leicht bricht, und dass das Weiche stärker ist, gilt nicht nur für die neue, sondern insbesondere für die alte Generation.

     8.Koreaner in Deutschland und Erziehung.

Die koreanische Gemeinschaft in Deutschland scheint auf den ersten Blick im Vergleich zu den anderen ausländischen ruhig und friedfertig zu sein, ohne arg von Problemen geplagt zu werden. Das verdanken sie sicherlich ihrer traditionellen Disziplin und ihrer Liebe zum Frieden. Ist es aber tatsächlich so? Sollte man nicht einmal die Frage stellen, ob ihre Disziplin nicht von den anderen gewollt oder aufgezwungen ist, und ob ihr Friede vielleicht nicht ein getarnter Friede aus Angst vor Gesichtsverlust und schlechtem Ruf ist? Lösen die Koreaner ihre konfliktreichen Familienproblen wie Erziehung, Generationsdifferenz, Gleichberechtigung und ihre sozialen Konflikte so vernünftig und reibungslos, so dass unter den Landsleuten nur noch Ordnung und Harmonie herrschen? Es ist üblich, dass jede soziale Gemeinschaft ihre Meinungsdifferenzen und -streitigkeiten hat. Erwiesenermaßen sind sie auch nützlich für ihren schöpferischen Entwidklungsprozess. Die Gesellschaft ohne Konflikte und Streitigkeiten ist entweder rücklaufig gegen die geschichliche Entwicklung, weil sie die ernsthafte Auseinandersetzung und Lösung der Konflikte verabscheut, oder scheinheilig, weil sie die Streitigkeit als Schande für ihre „scheinbare Eintracht“ sieht und sie als nicht existent behandelt. Aus diesem Grunde dürfte man unseren Fußballkonflikt nicht zur Schandtat der koreanischen Gemeinde verureteilen oder als schädigend für das Ansehen der friedlichen Koreaner erklären. Im Gegenteil. Es ist ein erfreuliches Anzeichen für ihren gesunden Entwicklungsprozess.

Für einen kurzen Momente hat die Konfrontation auf dem Sportplatz bei den beiden Spielern und den an dem Ereignis Beteiligten zur Aufwallung des Unmuts gebracht. Dann legten sich ihre Aufregung und Gereiztheit allmählich. Sie nahmen sich die Zeit, ruhig über das Ereignis nachzudenken, zu bereuen und mit den anderen Menschen darüber zu diskutieren und sich zu bessern. Denn man hört neuerdings erfreulicherweise, dass sich die beiden Parteien, bevor die Straffrist von 2 Monaten vorüber war, bereits miteinander versöhnt und das unterbrochene Spiel wieder aufgenommen haben.

Was das koreanische Volk, das sich von den anderen Völkern mit guten Eigenschaften wie Empfindsamkeit, Elan, Dynamik, Anpassungsfähigkeit, und Durchsetzungswillen abzeichnet, von den logisch denkenden, prinziptreuen und Perfektion liebenden Deutschen lernen kann, ist die Selbstentdeckung und -entfaltung durch Dialogs- und Diskusionsfreudigkeit. Das ist die eigentliche Triebkraft der Deutschen, die auf der Weltbühne schöpferische Führungsköpfe, Ideen und Erfindungen präsentieren. Diese Kraft könnten sich die Koreaner aneignen, um ihre Dauerprobleme der falschen Erziehung, nämlich die einheitlichen und längst überholten Erziehungsziele, die passiven und unproduktiven Lermethoden endlich loszuwerden. Die koreanischen Eltern in Deutschland könnten lernen, sich ihren Erziehungszwang von oben nach unten abzugewöhnen, die individuelle Neigung, Vorliebe und die Fähigkeit ihrer Kinder richtig zu schätzen und sie zum Selbstlernen zu ermutigen. Mit anderen Worten, keinen Zwang, keine Anweisung, aber Respekt vor der eigenen Entscheidung der Kinder und elterliche Kooperation mit ihnen durch Dialog.

Dabei dürfen sie nicht vergessen, sich zu dieser intellektuellen Förderung die humanistische Anerziehung des östlichen Gemeinschaftssinnes und des Nationalbewusstseins gesellen zu lassen. Die Koreaner besitzen einen anderen Nationalismusbegriff als die Deutschen, die zu ihrem Nationalismus ein misstrauisches und skeptisches Verhältnis wahren, weil er von dem Naziregime volkommen geschändet und missbraucht worden war. Nach dem verlorenen Krieg haben sie ihn mit dem Individualismus ersetzt. Die Koreaner pflegen aber einen gesunden und natürlich gewachsenen Nationalismus. Der koreanische Nationalismus, der weder überheblich noch engherzig ist, weder die Expansionspolitik noch den Kolonialismuskrieg ermutigt, begründet sich in dem geschichlichen Unglück von der Spaltung der Nartion, in dem Wunsch der Nation nach Unabhängigkeit von Grossmächten und in dem Anspruch auf das Existenzrecht einer Nation. Die Koreaner sind, anders als die heutigen jungen individualistischen Deutschen, die das irdische, körperliche und materialistische Glück ganz groß schreiben und die „Spaßgesellschaft“ betreiben, die Nachfolger der ostasiatischen Kultur, die in Enthaltsamkeit, Spiritualität und dem Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gemeinschaft ihr Glück sucht. Sie sind ein Volk, das in einer mit Blut und Schicksal gebundenen Gemeinschaft ihr Glück von Geborgenheit, Sicherheit und Zufriedenheit findet.

Die ältere koreanische Generation sollte bei der jüngeren den Nationalstolz erwecken und die Selbstachtung beibringen, dass das Land nach dem mutigen und blutigen Kampf gegen die fast zwei Generationen lang wütenden Diktaturen von zivilen und militärischen Regimen endlich die Demokratie erkämpft hat. Die Demokratie hat mittlerweile zarte Wurzeln geschlagen. Die „Han Ryu“, die jüngste Kultur von Dynamik im Bereich von Wirtschaft, Kultur und Sport elektrisiert den ganzen ostasiatischen Raum. Die koreanische Wirtschaft wächst in atemberaubendem Tempo empor und expandiert, so dass die koreanischen Waren die ganze Welt erobern. Das Land will und kann bald in die Gruppe der führenden Nationen Zutritt finden. Gleichzeitig versäumt man nicht den jungen Menschen bewusst machen, dass den wahren Wohlstand eines Landes nicht Zahlen oder Statistiken, sondern wirtschaftliche und soziale Sicherheit, Demokratie und der geistiger und kultureller Reichtum ausmachen. Die Älteren müssen ihnen auch das Zugeständnis machen, dass Korea immer noch kein unabhängiges, autarkes und starkes Land ist, sondern ein Lustobjekt, das die umliegenden Großmächte ständig mit der Geschichtsfälschung vom alten Königreich Koguryo, mit dem Territorialstreit um die kleine Insel Dokdo schikanieren.

Das von einem allzu übertriebenen Nationalismus ergriffene Land dürfte im Sog des heutigen Hegemoniestreites von China, Japan und den USA und im Zuge der Globalisierung nicht ohne internationalen engen Kontakt mit den anderen isoliert leben, wie es zur Zeit Nordkorea tut. Andererseits soll das Land jedoch die mutwillige Einmischung und diplomatische Kontrolle der Großmächte nicht weiter über sich ergehen lassen, ohne seine eigene Meinung durchzusetzen und eigenes Nationalinteresse zu behaupten, wie es in Südkorea seit 60 Jahren der Fall gewesen ist. Ohne ein neu besinntes und wohltemperiertes Nationalbewusstsein würde das Land seine wahre Unabhängigkeit nie erlangen. Der einzige Weg Koreas zu seiner Unabhängigkeit führt über die Wiedervereinigung des Landes. Zur Zeit erleben die beiden Länder, die bis vor kurzem einen bitteren Ideologiekrieg führten, einen zaghaften Umbruch zur friedlichen Annäherung. Seit Ankündigung der 6.15 Erklärung von den beiden Staatsoberhäupten vor 5 Jahren haben die beiden Länder den Ideologiestreit abgebaut und unter dem Motto von der Einen Nation, der Selbstständigkeit und dem Frieden bemühen sich die Menschen im Land und die Auslandskoreaner im Bunde um die Aussöhnung alter Feindschaft und um die enge Kooperation auf politischen, wirtschaftlichen, militärischen, kulturellen und sportlichen Ebenen und um das Wiedertreffen der getrennten Familien.

Die Koreaner in Deutschland sollten sich in Zukunft nicht mehr durch Feindschaft, Misstrauen, Hass und Spaltung lächerlich machen, wie es bei unsrem Fussballmatch der Fall war, sondern stattdessen ihre Aufmerksamkeit auf ihr Vaterland und seine Wiedervereinigung richten. Unter diesem Ziel können wir, alt und jung, links und rechts, gemeinsam miteinander einen friedlichen und produktiven Dialog und eine gegenseitige kreative Meinungsauseinandersetzung führen. So können wir eine wahrhafte gesunde Gemeinschaft im Ausland aufbauen.

Dafür übernimmt die Elterngeneration eine aktive Rolle. Sie sollte nicht mehr auf ihrer alten Unterwürfigkeitspolitik vor den Grossmächten oder ihren politisch überholten Antikommunismus beharren. Vielmehr hat sie sich in Zukunft durch ständige Selbstkritik, Selbstkontrolle und Selbstkorrektur der neu eingestellten geschichtlichen Forderungen anzupassen. Ihre leere, formale und halsstarrige Autorität muss sie mit einem neuen Inhalt erfüllen. Sie kann Demut zeigen, von der jüngeren etwas zu lernen. Das wäre die wahrhaftige Autorität, die sie den jüngeren Menschen mit gutem Gewissen als Vorbild zeigen dürfte.

Die jüngere Generation soll sich ihrerseits auch Mühe geben, die Eltern und deren Vergangenheit zu verstehen, von ihnen etwas zu lernen. Ohne Geschichte kann es keine wahrhaftige Zukunft geben. Dieses gegenseitige Zueinandergehen und das gegenseitige Respektieren zu zeigen wären die wichtigere und vordergründigere Aufgabe, die der Überwindung der Sprachbarriere zwischen den beiden vorgezogen werden müsste. Dann könnten die beiden in ihrer bis jetzt wurzellos treibenden, nebulösen Identifikationssuche plötzlich einen klaren Horizont erblicken.

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